Gedanken zum Neuen Jahr
Liebe Freunde,
Zuerst einmal ein gutes neues Jahr 2010 Euch allen. Ich hoffe,
Ihr habt die Weihnachtszeit genossen, und das neue Jahr gebührend
gefeiert. Wahrscheinlich sind in der Weihnachtszeit viele Vorsätze
für das kommende Jahr gefasst worden. Vielleicht etwas mehr
Sport treiben, etwas weniger essen, etwas gesünder leben,
mehr Zeit für die Familie: alles gute Vorsätze, die
hoffentlich durch das Jahr halten.
Am Weihnachtshochamt wird jedes Jahr das Johannesevangelium gelesen.
Der Prolog, der sich auf die Schöpfungsgeschichte in dem
Buch Genesis bezieht, und die Vorzeitigkeit Christi beschreibt.
Christus wird mit dem „Logos“ gleichgesetzt. Das „Wort“ ist eine
etwas arme Übersetzung des Logos Begriffs. Logos ist viel
mehr, es bedeutet auch „Weltvernunft“, „grundlegender Gedanke“,
„Logik“, also eher ein der Welt zugrundliegender Gedanke, der
von Gott ausgeht. Dieses Wort also ist nach der Einleitung des
Johannes Evangeliums von der Welt abgelehnt worden. „Er kam in
sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber,
die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh
1,11f).
Der zweite Teil des Verses: Er gab ihnen Macht, Kinder Gottes
zu werden, hat mir in der letzten Zeit viel zum Nachdenken gegeben.
Wir wissen, was bei Johannes die „Kinder Gottes“ ausmacht. Es
sind jene, die sich von der (gottlosen) „Welt“ fernhalten und
Christi Gebote befolgen wollen, hauptsächlich das „Liebesgebot“.
Jesus als den Messias bekennen und den Nächsten lieben, das
ist Kind Gottes sein.
Nun, anders als oftmals besonders im Protestantismus gelehrt
wird, ist das „Kind Gottes sein“ hier keine Selbstverständlichkeit.
Es ist nicht eine Sache, die man mit der Taufe erhält, und
die dann uns ein Leben lang automatisch begleitet. Lesen wir noch
einmal den Vers genau: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er die Macht
Kinder Gottes zu werden“.
Also es gibt einige Voraussetzungen: Grundvoraussetzung ist den
Logos – Christus aufzunehmen: aber das bedeutet doch, eine bewusste
Entscheidung. Kein klares Nein ist noch lange kein Ja. Hier wird
ganz klar mehr gefordert. Ihn aufnehmen oder annehmen, bedeutet
seine Lehre und vorallem das Liebesgebot anzunehmen und bewusst
zu leben.
Wenn wir das nun tun, und das ist im Alltag auch gar nicht so
leicht, dann haben wir erst einmal die „Macht, Kinder Gottes zu
werden“. Also wir sind es noch lange nicht, wir haben die Macht
dazu. Die Übersetzung „Macht, Vollmacht“ ist hier auch etwas
irreführend, das griechische Wort kann auch bedeuten „das
Wissen, das Verständnis, die Grundvoraussetzung“. Also Kinder
Gottes zu werden, ist demnach kein Ding, das einem zufällt,
es ist ein langer Weg, der begonnen werden kann, wenn man die
Grundvoraussetzungen erfüllt, den Glauben, das Vertrauen
und die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Das ist wirklich
eine Lebensaufgabe, die viel Übung und Geduld mit sich und
den Anderen verlangt. Und den starken Willen brauchen wir auch,
all den Versuchungen der Welt zu wiederstehen. Um diese Kraft
wird auch jeden Sonntag im Vaterunser gebetet.
Interessant ist hier die Parallele zum Buddhismus. Auch dort
ist es bis zur „Erleuchtung“ und zum Ausbruch aus dem Lebenszyklus
ein langer Weg, keine Sache die einem zufällt. Unzählige
Leben können dort nötig sein, diese Aufgabe zu bewältigen,
und sie erfordert Disziplin, Verständnis und Geduld.
Der Weg im Christentum wie auch im Buddhismus führt übrigens
auch nur über die Aufgabe des „Ego“. Das steht ganz im Gegensatz
zu dem herrschenden Zeitgeist, wo die „Selbstverwirklichung“ das
Ziel ist. Viele unserer Heiligen sind Vorbilder für diesen
spirituellen Weg, aber sie sind in unserer Zeit nicht unbedingt
populär.
Aber kommen wir zurück zum neuen Jahr und den Vorsätzen:
vielleicht könnte man sich vornehmen, mehr Schritte zu unternehmen,
ein aktives Kind Gottes zu werden. Das wird bestimmt eine interessante
Reise und ist gleichzeitig eine Fitnesskur für den Geist,
die Hand in Hand gehen kann mit der körperlichen Fastenkur
oder dem Fitnesstraining. „Mens sana in corpore sano“: ein gesunder
Geist in einem gesunden Körper, diesen Zusammenhang haben
auch die alten Römer erkannt.
Etwas ironischer hat Albert Schweizer, der große Arzt und
Theologe des letzten Jahrhunderts diese Problematik ausgedrückt:
„Wer glaubt, ein Christ zu sein, nur (Anm. Des Editors) weil er
die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn
man in einer Garage steht.“
Gutes Gelingen wünscht Euch